Georg Richter

Georg Richter wurde als Sohn landfahrender Marionettenspieler am 14. Oktober 1923 in Zaue/Kreis Lübben geboren. Schon im Alter von zwei Jahren musste er als Bub mit dem gleichgroßen Kasper auf der Bühne seiner Eltern tanzen.Georg Richter erinnert sich im Januar des Jahres 2010, dem Zeitpunkt der schriftlichen Aufzeichnung seines Werdeganges, noch sehr lebhaft an frühe Kindheitstage; seine älteste Erinnerung an das Theater der Eltern datiert auf sein viertes Lebensjahr. Es war damals üblich, dass auch die kleinsten Kinder der Familien mit in die Abendvorstellung kamen, teilweise als Akteure, teilweise, weil sie sich dem Lebensrhythmus der Eltern anpassen mussten.Da beide Elternteile im Marionettentheater aktiv waren, kamen die Kinder schon früh in den Genuss, das Spiel mit den hölzernen Darstellern zu erlernen. Das Stück, an das sich Georg Richter erinnern kann, hieß „Medea, die Höllenbraut“. Auf der Bühne der Eltern, Christian und Ida Richter, wurden ausschließlich bewährte Klassiker gespielt. Spezielle Kindervorführungen gab es im Zeitalter vor der medialen Technisierung nicht, zumindest nicht bei den RichtersGenoveva oder Prinz Hamlet wurden von den Familien ohne literarische Vorkenntnisse aufgeführt. Der Austausch zwischen den vielfach miteinander verwandten Familien funktionierte gut und alte Traditionen und Kenntnisse wurden von Mund zu Ohr weitergegeben. Es gab damals noch einen relativ hohen Anteil von Wanderpuppenspielern, die des Lesens nicht mächtig waren. Doch auch diese Theater-Betriebe konnten die klassischen Stücke aufführen, da sie diese von anderen Familien erlernten.Als Georg Richter 15 Jahre alt wurde, durfte er zum ersten Mal eine Marionette führen.

 

Georg Richter 1939

Georg Richter 1939


Das Stück hieß „Die Waldprinzessin“, aber die Richters führten es unter dem Namen „Grün ist die Heide“ auf, weil zur damaligen Zeit (1938) in den Kinos landauf, landab ein Film mit Namen „Grün ist die Heide“ gezeigt wurde. Dieser große Kinoerfolg bewirkte, dass auch das Marionettenstück sehr gut ankam. Georg Richter durfte bei seinem Debüt den „jungen Förster“ und den „alten Förster“ geben. Lediglich ein Jahr lang konnte sich der junge Marionettenspieler danach noch in seinen Rollen üben, dann begann der 2. Weltkrieg und Georg R. wurde, gerade erst 16 Jahre alt, 1939 einem Rüstungsbetrieb in Finsterwalde als Hilfskraft zugeteilt. Während die Eltern mit den beiden jüngeren Geschwistern die mobile Theaterarbeit fortsetzten, blieb Georg Richter für ein Jahr lang an seiner zugewiesenen Arbeitsstelle, bis er 1940, dann 17jährig, wieder zu den Eltern zurückkehren konnte.Für ein weiteres halbes Jahr ging er dem Marionettenspiel nach, bis er mit 17 Jahren zum Arbeitsdienst eingezogen wurde. Danach begann für ihn der Wehrdienst, diese entbehrungsreiche und grauenvolle Phase des Krieges, in der der Theaterbetrieb zwar nicht ruhte, aber nur von der Restfamilie fortgesetzt werden konnte (Vater, Mutter, jüngerer Bruder und jüngere Schwester). Nach seinem Einsatz an fast allen Fronten des damaligen „Deutschen Reiches“ kehrte Georg Richter 1946 mit nunmehr fast 23 Jahren aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zum elterlichen Marionettenbetrieb in den Spreewald bei Berlin zurück. In den Kriegsjahren hatte er seine Familie lediglich zweimal für jeweils etwa eine Woche wiedergesehen.Noch am Tage seiner Rückkehr stieg Georg Richter sofort wieder in den Spielbetrieb ein. Es wurde das Stück „Der Eller“ aufgeführt. Seltsamerweise wurde im völlig zerstörten Deutschland so weiter Marionettentheater gespielt, als wären die unerträglichen Jahre dazwischen nicht gewesen, nur mit dem kleinen Unterschied, dass die Menschen in den ersten Monaten nach Kriegsende nicht gegen Barzahlung zuschauten, sondern Lebensmittelspenden oder Kohle bzw. Holz für die Heizung des Zuschauerraums mitbrachten.1947 heiratete Georg Richter seine erste Frau, die Elfriede hieß und ihm zunächst drei Kinder gebar: die Söhne Alfons (1948), Gerhard (1949) und die Tochter Elvira (1950) erblickten jeweils „auf Tournee“ das Licht der Welt. Die Schwierigkeiten, die dem in die Selbstständigkeit strebenden Georg R. seitens der neuen Regierung im Osten Deutschlands gemacht wurden, nahmen ständig zu. Immer häufiger musste er nach Ost-Berlin reisen, um auf den dortigen Ämtern Genehmigungen für die jeweiligen Aufführungen zu bekommen. Einen Reisegewerbeschein für einen eigenen Marionettenbetrieb bekam er von Amts wegen verweigert. Er sollte stattdessen den Betrieb des Vaters übernehmen und ihn im Sinne des Sozialismus weiterführen. Dieses Ansinnen der Staatsführung befremdete damals nicht nur Georg Richter, der kein Verständnis für ideologisch gefärbtes Theater hatte. Viele seiner jüngeren Kollegen wollten sich ebenfalls nicht als ideologische Zugpferde benutzen lassen. Außerdem führten die Puppenspieler traditionell ihre Betriebe bis ins hohe Alter, in Ausnahmefällen sogar bis zum Tode und konnten sich als stets freiheitsliebende und künstlerisch freischaffende „Nomaden“ ein Leben in den geregelten Bahnen des Sozialismus’ nicht vorstellen.1951, auf dem Wege nach Berlin-Ost, wurde der gesamte Marionetten-Konvoi der Richters von sowjetischen Soldaten beschlagnahmt und festgesetzt. Erst nach einer Fahrt nach Potsdam zur Erlangung einer Genehmigung für die Einreise nach Berlin-Ost konnte die Familie samt Wohnwagen weiterfahren.Am 01. November 1951 gelang eine abenteuerliche Überquerung der Grenze von Berlin-Ost nach Berlin-West, wobei der Wohnwagen der Eltern und die Wohnwagen der beiden Söhne bei Nacht nach West-Berlin geschafft wurden. Der kleine Zusatzanhänger, in welchem der größte Teil des Fundus verstaut war, musste wegen seiner lauten, eisernen Räder auf dem Platz in Ostberlin zurückbleiben. Hierbei gingen bereits gut 50% der Bühne verloren. Von November 1951 bis Mai 1952 blieben die Richters in Berlin-West und arbeiteten auf eine Ausreise nach West-Deutschland hin. Im Zuge der Eheschließung eines weiblichen Mitgliedes der Familie Richter und eines männlichen Mitgliedes eines Zirkusbetriebes, der die Reisegenehmigung durch den Sektor Ost nach West-Deutschland bereits hatte, konnte im Sommer 1952 wenigstens der Wohnwagen der Eltern per Schiene nach West-Deutschland transportiert werden. In diesem Wohnwagen wurden lediglich die wertvollen Marionetten aus Familienbesitz verstaut. Für die Hauptbühne war kein Platz mehr. Diese blieb in Berlin zurück. Es wurde niemals aufgeklärt, in welche Hände diese Bühne gekommen ist.Die einzelnen Familienmitglieder konnten danach mit dem Flugzeug von Berlin-Tempelhof nach Westdeutschland ausfliegen. Georg Richter musste entsprechend seiner Genehmigung nach Geilenkirchen weiterreisen, weil er dort Verwandte hatte und sich dort anmelden, während der Wohnwagen der Eltern in Stade abgestellt wurde. Es dauerte fast ein Jahr, bis Georg Richter Geld und Zeit genug hatte, um zu dem Wohnwagen seiner Eltern nach Stade zu fahren. Andere Familienmitglieder hatten den Wohnwagen bereits aufgesucht, um Kleinigkeiten daraus zu entnehmen. Als aber Georg Richter 1953 zum Wohnwagen kam, um den Theaterbetrieb wiederzubeleben, fand er nur noch eine einzige Kiste mit einigen alten Puppenköpfen vor. Der Fundus der Familie hatte sich in alle Winde zerstreut, und Georg Richter versuchte bis in die 80er Jahre Marionetten aus dem Familienbesitz wieder zurückzukaufen.An die Fortführung des Theaterbetriebes war in den Jahren danach nicht zu denken. Die Familie spielte für einige Jahre ohne Marionetten Laientheater mit äußerst mäßigem finanziellem Erfolg. Georg Richter nahm Ende 1958 dann eine Arbeitsstelle bei einem Wanderzirkus an, weil er den ursprünglichen Rhythmus der Familie weiterleben und auf „Reisen“ bleiben wollte. Die verbliebenen Marionetten wurden dabei immer mitgeführt. Anfang 1959 war die Familie auf sechs Personen angewachsen, zu den älteren drei Kindern kam 1957 noch Sohn Hartmuth hinzu. Im Oktober 1959 verstarb Georg Richters erste Frau auf tragische Weise bei der Geburt von Zwillingen. Einer der Zwillinge kam mit seiner Mutter ebenfalls während der Entbindung um, der andere Zwilling starb als Säugling einige Monate später. Allein und verzweifelt, mit vier Kindern und ohne einen traditionellen Beruf, strandete Georg Richter bei seinen Eltern und Großeltern in Hanau, wo diese nach der Flucht aus der DDR seit rund einem Jahr lebten.Im Hanau des Jahres 1960 galt es daher, rasch Geld zu verdienen, um die Kinder zu ernähren. Zum Glück fand Georg Richter mit der hilfsbereiten und außergewöhnlich tüchtigen Linda Janz im Jahre 1961 eine neue Weggefährtin, die er kurz darauf heiratete. Georg Richter arbeitete in verschiedenen Hanauer Großbetrieben und nahm teilweise mehrere Arbeitsstellen gleichzeitig an, um die ab 1962 auf sieben Köpfe angewachsene Familie über Wasser zu halten. Ans Marionettenspiel dachte er in dieser Phase manchmal mit leiser Wehmut zurück, hatte aber nicht geplant, sich wieder mit seiner künstlerischen Tätigkeit zu ernähren.

 

Gerlinde und Georg Richter

Gerlinde und Georg Richter

Doch dann kam der Tag, als der damalige Chef der „Steinauer Holzköppe“, Herr Karl Magersuppe, seinen Kollegen aus dem Osten überzeugen konnte, die alte Kunst nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. 1968 wurden die alten Puppenköpfe wieder aus dem Keller geholt und in unzähligen Stunden neu aufgearbeitet. Vater Christian Richter steuerte die letzten vier Marionetten bei, die er über die Jahre gerettet hatte. Es wurde eine neue Bühne gebaut, die der jahrhundertealten Tradition der Richter-Bühnen nachempfunden war. Frau Gerlinde Richter nähte die Kleider und Georg Richter schuf in kurzer Zeit neue Marionettenköpfe- und -körper. Es wurde ein Anhänger fürs Familienauto angeschafft und das „Hanauer-Marionettentheater“ war gegründet. Wer allerdings im Jahre der Studentenrevolte 1968 ein neues Stück erwartet hatte, wurde enttäuscht. Das Drama, mit welchem die Richters im bayrischen Krombach vor 25 Zuschauern debütierten, hieß schlicht und ergreifend „Rumpelstilzchen“!Vorübergehend war das Spiel mit den Marionetten lediglich ein Nebenerwerb, doch schon bald setzten sich die Qualität und der gelungene pädagogische Ansatz des Theaters weit über die Stadtgrenzen Hanaus hinweg durch. Ab 1980 konnten Georg und Gerlinde Richter wieder vollständig vom Theater leben. Es erfolgten Gastspielreisen in verschiedene Teile der Bundesrepublik Deutschland. Die alte Tradition war wieder lebendig.Bis 2008 hat Georg Richter als Vollblutmarionettenspieler hinter den Kulissen agiert. Der Fundus ist durch Zukauf auf 250 Marionetten gewachsen und das Repertoire hat sich geändert und erweitert. Das Theater ist aus den Händen von Georg und Gerlinde Richter von der achten zur neunten Generation übergegangen, die von Roland Richter und seiner Frau Dr. Jale Richter repräsentiert wird.Am 28. Februar 2014 verstarb Georg Richter mit 90 Jahren in Hanau. Er blickte auf eine über achtzigjährige Bühnen- und Spielerfahrung mit dem Marionettentheater zurück. Aber sein Lebenswerk, das Marionettentheater, wird fortgeführt werden.

Gerlinde Richter

 

Gerlinde Richter wurde am 24. März 1929 als viertes Kind des Musikers Theodor Janz und der aus einer gemischten Zirkus- und Akademikerfamilie stammenden Käthe Janz geb. Gruttke, in Langendorf, Kreis Jägerndorf, geboren. In der mütterlichen Linie war das Spiel mit den Marionetten zwar vertreten, wurde aber schon viele Jahre vor Gerlindes Geburt eingestellt.Im Jahre 1939 sah Gerlinde die Marionetten ihrer Familie zum letzten Mal. Die ca. 40 Figuren lagerten in einer großen Holzkiste, die im Wohnwagen der Großmutter verstaut war. Im 2. Weltkrieg wurden auch die Bühnenelemente und Figuren der Familie Gruttke in alle Winde verstreut und sind seither nie wieder aufgetaucht. Zu diesem Zeitpunkt hätte Gerlinde Richter niemals erwartet, dass ihr Lebensweg sie wieder mit dem Figurentheater zusammenbringen würde.Die Familie Janz war von großen Unterschieden geprägt: der väterliche Zweig der Großeltern von Gerlinde Richter entsprang dem Bürgertum. Alle männlichen Vorfahren waren Lehrer bzw. Schulleiter in der Region von Jägerndorf. Die Linie der Mutter Käthe entstammte allerdings einer klassischen Zirkus-und-Theaterfamilie. Schon als vierjähriges Kind musste Gerlinde zusammen mit ihren drei älteren Brüdern im Zirkus als Artistin auftreten.Dennoch setzte sich am Ende die Sesshaftigkeit durch. Zwar hatten sowohl ihr Großvater mütterlicherseits als auch ihr Vater die Sesshaftigkeit vorübergehend aufgegeben, um der Liebe zu folgen, aber langfristig fand die Familie dann doch in der Bürgerlichkeit ihren Platz. Gerlinde Richter kann sich noch gut daran erinnern, dass sie und ihre Geschwister bei dem Wechsel zwischen Sesshaftigkeit und Teilnahme am Zirkusleben großen Spaß hatten.Wäre der Krieg nicht gewesen, so hätte die Lebenslinie von Gerlinde Richter, so wie die von Millionen anderen Menschen auch, wohl eine ganz andere Richtung genommen. In der Schule zeigte sie überdurchschnittlich gute Leistungen und hätte leicht Abitur machen können. Doch die Wirren des Krieges mit mehrmaliger Vertreibung, bereiteten ihren schulischen Bestrebungen ein schleichendes Ende. Im Gegensatz zu vielen anderen Heimatvertriebenen stand der Familie Janz nach dem Krieg nämlich die Option offen, in der Heimat zu verbleiben und sich zu den tschechischen Vorfahren zu bekennen. Die Mutter Käthe Janz war zur Hälfte Tschechin (tschechische Mutter/deutscher Vater) und hätte sich lediglich von ihrem Ehemann Theodor scheiden lassen müssen, um in der angestammten Heimat bleiben zu können.Doch Käthe Janz entschied sich für den Erhalt der Familie und folgte ihrem Ehemann zusammen mit den zwei gemeinsamen Töchtern in eine einjährige, extrem entbehrungsreiche und verstörende Lagerhaft. Die drei Söhne waren an unterschiedlichen Fronten des deutschen Reiches in verschiedene Kriegsgefangenschaften geraten und die Familie wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, ob die drei älteren Brüder von Gerlinde Richter noch am Leben waren. Die Zeit im Lager, die von Gerlinde Richter und ihrer knapp zwei Jahre jüngeren Schwester nur mit großem Trauma behaftet überstanden werden konnte, endete mit der Ausweisung der Familie ins westliche Deutschland.1946 wurde die Familie in Alleuten (Bayern) bei einem Landwirt untergebracht und musste für fast ein Jahr zu viert in einem 14 Quadratmeter großen Raum leben. Die schulische Bildung war damit für Gerlinde Richter beendet. Froh, Krieg und Vertreibung überhaupt überstanden zu haben, orientierte sich die wieder auf sieben Köpfe angewachsene Familie – die drei älteren Brüder hatten die Gefangenschaft hinter sich gebracht – an den Gegebenheiten der nun “neuen Heimat”, ohne wirklich sesshaft werden zu können.Laut Gerlinde Richters Angaben war die Enge der neuen Behausung für sie nur deshalb erträglich, weil die Familie Kontakt zu den engen Verwandten herstellte, die nach dem Krieg das nomadisierende Leben der Reisenden wieder aufgenommen hatten und als Schausteller, Zirkusleute bzw. Theaterdarsteller durch ganz Deutschland zogen.

 

Gerlinde Richter 1948

Gerlinde Richter 1948

In dieser Zeit trennten sich Gerlinde Richters Eltern, und Vater Theodor erwählte eine neue Lebensgefährtin in der Nähe von Marktoberndorf, wo die Familie seit 1947 noch immer in einem schlichten Domizil hausen musste. Gerlindes Mutter intensivierte die Kontakte zu den “auf der Reise” verbliebenen Mitgliedern ihrer eigenen Familie. Zwar hatten Gerlinde und ihre jüngere Schwester Elisabeth eine Arbeitsstelle gefunden und konnten mit ihrem Einkommen das karge Leben finanzieren, doch als ihre Mutter den Vorschlag machte, sich wieder “auf die Reise” zu begeben und den Anschluss an die alte Familie zu suchen, gaben die Töchter nach sechs Jahren im Allgäu ihren Widerstand auf und beugten sich der Erwartungshaltung der Mutter.1952/53 verließen die drei Frauen das Allgäu, um sich in den nächsten Jahren mehr recht als schlecht über Wasser zu halten. Die Zirkusfamilien hatten aus unterschiedlichen Gründen im Westen keine neuen Zirkusbetriebe gründen können. Oft fehlte es an Geld und Material, manchmal war auch die Motivation verschwunden, da die Traumata des Krieges in den Köpfen der Zirkusfamilien ihre Wirkung ausbreiteten. Nicht wenige der Zirkusmenschen waren zu Theaterdarstellern geworden. So auch die Tanten von Gerlinde Richter, die die begabte junge Frau auch gerne als Zugpferd in ihre Truppe integrierten, um den Erfolg beim Publikum zu steigern.Zu einer echten Karriere als Schauspielerin reichte es für Gerlinde Richter aber nicht. Zu stark war die Trennung der “Reisenden” vom Rest der Gesellschaft. Zugang zu den sich entwickelnden Medien der jungen Bundesrepublik Deutschland fand sie nicht, da sie sich der Mutter verpflichtet fühlte und diese die Ausrichtung der Familie vorgab. Nach vielen Zick-Zack Bewegungen quer durch die Bundesrepublik Deutschland – die Einkommenssituation und der Lebensstandard der drei Frauen verschlechterte sich zum Ende hin – wurde die Familie auf einem genehmigten Platz in Hanau am “Sandeldamm” mit ihrem Wohnwagen vorübergehend sesshaft.Hier auf diesem Platz trafen sich Georg und Gerlinde Richter im Jahre 1957 zu ersten Mal. Allerdings war Georg Richter zu diesem Zeitpunkt noch mit seiner ersten Frau Elfriede, die im darauffolgenden Jahr verstarb, verheiratet. So entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen den Familien Janz und Richter. Gerlinde sah mit tiefer Betroffenheit, dass nach dem Tod von Georg Richters Frau Elfriede die vier Kinder Alfons, Gerhard, Elvira und Hartmuth extrem litten und verwahrlosten.Daher heiratete sie den Witwer Georg Richter und übernahm im Jahre 1961 die Mutterrolle für die vier Kinder ihres Mannes aus erster Ehe. Die junge Familie bezog ein festes Haus in der Aschaffenburger Straße und siedelte nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Roland in die Antoniterstraße um. Hier lebt Gerlinde Richter noch heute.An das Spiel mit den Marionetten dachte Gerlinde Richter in dieser Zeit nicht, auch wenn ihr Mann immer wieder wehmütig von der alten Familientradition sprach. Sie hatte nur die Erinnerungen an die Figuren ihrer tschechischen Großmutter und war zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens als Marionettenspielerin tätig gewesen. Aber als die Familie durch die Hinzunahme von zwei Pflegekindern auf neun Köpfe angewachsen war und die finanzielle Not nicht aufhören wollte, gab sie 1968 dem Drängen ihres Mannes nach und gründete zusammen mit ihm das “Hanauer Marionettentheater”, welches nun – in der Richterschen Tradition stehend in neunter Generation – für viele Jahre aktiv sein sollte.

 

Gerlinde und Georg Richter

Gerlinde und Georg Richter


Georg Richter war sich immer sicher, dass der Theaterbetrieb ohne die Tatkraft seiner Frau nicht hätte wachsen und gedeihen können. Während sich Georg Richter um die Produktion der neuen Kulissen, Figuren und Bühnenelemente kümmerte, sorgte seine Frau für den Fundus, organisierte Termine an Kindergärten und Grundschulen und hatte schon sehr bald ihren Lebensmittelpunkt im Marionettentheater gefunden. Bis zum Jahre 2008, als das Hanauer-Marionettentheater sein vierzigjähriges Jubiläum feierte, agierten Georg und Gerlinde Richter gemeinsam vor und hinter den Kulissen. Als sich der Gesundheitszustand des damals 85jährigen Ehemannes zu verschlechtern begann, führte die nun selbst 80jährige Gerlinde den Theaterbetrieb mit dem gemeinsamen Sohn Roland weiter. Seit einer Operation im Jahre 2010 verschlechterte sich der Gesundheitszustand von Georg Richter so weit, dass er der ganztägigen Pflege seiner Ehefrau bedurfte. Ende des Jahres 2010 gab Gerlinde Richter im Alter von 81 Jahren das Zepter an die nächste Generation, Sohn Roland, weiter. Mittlerweile ist Gerlinde Richter 89 Jahre alt. Sie wohnt noch immer in dem Haus in der Antoniterstr. 28e in Hanau, wo sie vor über 50 Jahren das Theater gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann gegründet hat. Sie erfreut sich dem alter entsprechender guter Gesundheit und beobachtet den Fortgang ihres Lebenswerkes in den Händen des Sohnes und seiner Ehefrau Diana.