Recall – eine Rückrufaktion des Geistes

Er hatte schlecht geschlafen, nachdem er sich am gestrigen Abend bereit erklärt hatte, seine „Wirtin“ bei einem Kinobesuch zu begleiten. Letztlich ließ er sich auf diese Zusage aber nur ein, weil er das angedrohte intellektuelle Gespräch bei einem Gläschen Wein umgehen wollte. Den ganzen letzten Tag hatte er sich mit seiner großen Liebe aus seinem ersten Leben beschäftigt, mit Anne, und war auf diese Art und Weise ein Stück weit aus der Wirklichkeit geglitten und hatte sich in seinen Träumen und Imaginationen verloren. Tief hatte er sich dabei in seine eigene Seele geblickt und festgestellt, dass er in der Beziehung zu der jungen Frau (sie war immerhin 16 Jahre jünger als er) alle nur vorstellbaren Fehler gemacht hatte. Aber diese Fehler waren nun nicht mehr korrigierbar. Er nahm sich vor, noch stärker auf diese Liebesbeziehung zu reflektieren um einen Schlüssel zu finden, einen Schlüssel der ihm dann möglicherweise dabei würde helfen können, seine Existenz im Jetzt und Hier besser einzuordnen.

Nein, er konnte das Unrecht, welches er Anne damals angetan hatte, nicht dadurch beseitigen oder abmildern, indem er eine Art Kompensationsleistung an die noch in England lebenden Nachfahren der Familie Boleyn gezahlt hätte. Prinzipiell wäre er ja durchaus bereit gewesen, eine Kompensationsleistung zu erbringen, aber: von welchem Geld? Er war schließlich vollkommen mittellos und zumindest im Augenblick nicht in der Lage, Einkommen oder gar Vermögen zu generieren. Aber er wusste es eigentlich besser, hatte sogar einen sehr markanten Satz in seinem ersten eigenen Theaterstück eingeführt, der die Hintergründe des seelischen oder körperlichen Frevels aufzeigte und die Unmöglichkeit jeder Wiedergutmachung durch Zuwendungen in Form von Geld oder Leistungen ins Reich der Träume verwies. Er hatte sein älteres Ich auch der Bühne sagen lassen, dass dann, wenn Menschen aneinander schuldig geworden waren, keine materielle Buße Abhilfe schaffen konnte. Beleidigungen und Verfluchungen konnte man nicht zurück zu nehmen. Es gab keine Heilung für seelische Verletzungen und auch keine für die seelischen Folgen nach körperlichen Verletzungen. Niemand konnte das Geschehene ungeschehen machen. So fliehen die Täter vor ihrer Schuld, verschließen die Augen davor und gehen denen aus dem Weg, denen sie etwas angetan haben.

Er blickte nachdenklich auf das Bild, welches „seine“ Anne in einem Buch über die englischen Herrscher zeigte. Sie war um so vieles schöner gewesen als auf dieser Abbildung zu erkennen. Anne war ihm als faszinierend und klug in Erinnerung und hatte damals sofort sein Interesse geweckt. Am Tage ihrer Rückkehr nach England vom französischen Hof trat sie in die Dienste der englischen Königin Katharina, seiner ersten Ehefrau. Dass Heinrich, der damalige König Henry VIII. in leidenschaftlicher Liebe zu ihr entbrennen sollte und sie nicht nur als seine Mätresse, sondern auch als seine Frau sehen wollen würde, daran hatte im damaligen England wohl niemand gedacht. Die kluge Anne war der Star am Hofe, war stets nach neuester französischer Mode gekleidet, gebildet und schlagfertig. Sie wusste, dass Mätressen nach Belieben ausgetauscht werden konnten. Anne war stolz und ehrgeizig. Sie wollte nicht nur die Frau in Henrys Bett, sondern die Frau auf seinem Thron sein. Heinrich hielt in seinen Gedanken inne und versuchte einen gedanklichen Faden aufzunehmen, den er vor längerer Zeit verloren hatte: War Anne so ehrgeizig, wie es in den Büchern die er über sich und sein Leben gelesen hatte und die stets den Versuch unternahmen, seine bestialische, männliche Art das Leben zu nehmen, etwas milder auszuformulieren versuchten?

Verstand man unter Ehrgeiz das im Charakter verankerte Streben eines Menschen nach persönlichen Zielen, wie Leistung, Erfolg, Anerkennung, Einfluss, Führung, Wissen oder Macht, dann war Anne nicht ehrgeizig. Ohne Zweifel war sie eine attraktive und schöne junge Frau, hatte Spaß am Leben und genoss auch die Aufmerksamkeit, die ihr aufgrund ihrer äußeren Werte zuteil wurde, aber er konnte sie in seinen Erinnerungen beim besten Willen nicht mit jenen Mägden seiner Zeit vergleichen, die ihre Körper mit nur einem Ziel zur Verfügung stellten: sie wollten in die Sphären der gesellschaftlichen Oberschichten gelangen. Annes Erfolg, bei ihm, dem allmächtigen Monarchen lag darin begründet, dass sie das Ideal der perfekten weiblichen Schönheit schon durch ihre Jugendlichkeit erfüllte. Die Merkmale, die bei ihr für Attraktivität sprachen, waren Merkmale, die sich auch in Kindergesichtern fanden: eine gewölbte Stirn, runde Augen und eine kleine, schmale Nase, weiße Zähne und eine faltenlose Haut mit einem leicht gebräunten, strahlenden Teint. Dem im Heute belesenen Heinrich war mittlerweile klar geworden, warum das so war und ist: Männer wählten schon seit ewigen Zeiten jüngere Frauen, weil deren Fruchtbarkeitsperiode noch länger dauern konnte, und damit die Chance größer war, mehr Nachwuchs zu bekommen. Heinrich hingegen hatte im frühen 16ten Jahrhundert die absolute Spitze der Macht erklommen und konnte durch seinen Status etwas wettmachen, was er nicht mehr vorzuweisen hatte: die Jugendlichkeit! Allerdings spielte (und spielt / Anm. einer bisher geschwiegen habenden Redaktion) die Jugendlichkeit und Attraktivität bei Männern nicht in so hohem Maße eine Rolle wie bei Frauen. Zwar werden Männer mit weißen Zähnen, vollem Haar und faltenlosen Gesichtern als schöner eingeschätzt, wenn der schöne Mann allerdings in einer Uniform eines Amerikanischen Fast-Food-Restaurants steckt, wird er weniger attraktiv eingeschätzt als sein weitaus weniger schöner Geschlechtsgenosse im Steifenanzug und einem Job bei einer Bank! Für Frauen war es wichtig, dass der Mann sich als Versorger der Kinder eignete. Und diesen Punkt konnte der damals skrupellose Heinrich beispiellos gut erfüllen.

Heinrich konnte sich gut daran erinnern, wie stark er um Anne warb, und die Erinnerung daran, dass sie ihn nicht erhörte, wurde ebenfalls wieder lebendig. On Anne erkannt hatte, dass sie mit dieser Taktik gelingen würde, sein Interesse und seine Zuneigung noch stärker zu entfachen? Er schrieb leidenschaftliche Liebesbriefe an seine Angebetete, und diese zum Teil schmachtenden und erotisch knisternden Zeilen liegen der Öffentlichkeit noch heute vor. Der Hanauer Ex-Monarch schluckte bei dem Gedanken, dass alle in der Welt, die es wissen wollten, noch heute seine Werbeversuche lesen konnten. Ob ihm jemals jemand glauben würde, dass er nun ein ganz anderer geworden war? Ein altruistischer Holzkopf, der in keinster Weise mehr nur zu seinem Vorteil dachte. Heinrich gab Annes Wunsch nach Geltung, Macht und führender Stellung am Hofe damals am Ende immer mehr nach nach. Er machte ihr zahlreiche Geschenke und zeigte sich öffentlich mit ihr. Schon bald war die junge, intelligente Frau Henrys Begleitung bei Festen und bei Jagden und Heinrichs erste Frau, Königin Katharina von Aragonien, geriet mehr und mehr ins Abseits. 1532 durfte Anne Henry zu einem Besuch nach Frankreich begleiten und er zwang Katharina, der Favoritin ihres Mannes die Kronjuwelen zu übergeben. Henry stattete Anne mit einem Adelstitel und Vermögen aus, von diesem Zeitpunkt an soll sie bereit gewesen sein, seine Geliebte zu werden.

Er war ein Verblendeter in der damaligen Situation und alle drei Geistesgifte ergriffen von ihm Besitz: die Gier nach dem Weib als Objekt der Begierde, der Hass auf alles, was sein Streben störte (speziell gegen seine „Noch-Ehefrau“ Katharina / Anm. der Redaktion) und die Verblendung, was konkret bedeutete, dass er die Wahrheit über die Natur des Geistes und des Wesens der Liebe nicht mehr erkennen konnte. Für ihn ergab sich im Damals schon bald keine Option mehr, die Verblendung oder das Nicht-Wissen zu beseitigen. Deshalb konnte ihm der heilsame Aspekt des Geistes, die Weisheit, auch nicht erscheinen. Als König war er nicht nur außerordentlich von Annes Äußerem fasziniert, sondern er erhoffte sich durch sie auch die Geburt eines männlichen Thronfolgers. Und da sie ihn in einer schwachen Stunde doch in ihr Bett ließ, gelang es ihm, seiner Freundin das Bäuchlein zu blähen und er musste deshalb auf die Scheidung von Katharina drängen um gegen jede Regel „seine“ Anne Anfang des Jahres 1533 heiraten zu können. Der König hoffte auf einen Sohn. Mit der Abspaltung von Rom gelang ihm die Trennung von Katharina, im Juni 1533 konnte Anne zur Königin gekrönt werden.

Der aufkommende Recall, diese Rückrufaktion seines eigenen Geistes, stürzte den doppelten Ex-Monarchen in tiefe Verzweiflung. Denn niemand wusste es besser als er, dass er damals Himmel und Erde verändern konnte, weil es zu allen Zeiten leicht möglich war, alles irdische zu verändern, wenn man an der Spitze der Macht stand. Mit einem leichten Grinsen im Gesicht hatte er in einigen der modernen Bücher, die sich mit seinem Leben beschäftigten gelesen, dass Historiker auch heute noch darüber rätselten, warum Henry so sehr für Anne entflammt war, dass er dafür den Bruch mit der römisch-katholischen Kirche wagte. Heinrich schüttelte den Kopf. Es war doch leicht, diese Vorgänge zu erklären, auch wenn er davon ab liebsten nie wieder etwas gehört hätte. Er empfand auf der einen Seite tatsächlich eine große Liebe für sie, aber sie galt ihm auch einfach nur als extrem schwierig zu erringende Trophäe, sodass er im Eifer der Jagd alle Risiken in Kauf ausblendete und deshalb im Zustand des Unbewussten umtriebig geworden war. Im Nebengleis war die Kirchenabspaltung eine willkommene Machtdemonstration eines ehrgeizigen Herrschers und die Möglichkeit einer Ehe mit Anne ein willkommener Nebeneffekt. Die Klöster des Landes waren mit Schätzen prall gefüllt und er hatte des ererbte Geld seines Vaters bereits fast ausgegeben. Die Annexion der Kirche spülte ihm unvorstellbaren Reichtum in seine Kassen, so dass er noch leichter und noch schneller als es ihm bisher möglich war, alles irdische verändern konnte, weil er nun in einer Form an der Spitze der Macht stand, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte.

Und all dieses Tun hatte er später zu erklären, als seine Liebe zu Anne offensichtlich erlosch und es für ihn gefährlich wurde, noch länger an ihrer Seite zu bleiben. Als Anne später im Kerker lag klagte er sie zusammen mit seinen Vasallen an, dass sie ihn verhext verhext habe! Einerseits wurde es auch schon damals als Folge der männlichen Sozialisation und als Teil der männlichen Gesellschaftsordnung (eine von Männern für Männer gemachte Welt / Anm. der Redaktion) gesehen, das von Männern erwartet wurde, über andere Macht auszuüben und sich zu behaupten.
Die andere Seite, die darauf hinwies, dass dieses „sich behaupten müssen“ als Ausdrucksmöglichkeit eines machtlosen Menschen, der Missbrauch an seinen Mitgeschöpfen als Kompensation von Hilflosigkeit und Ohnmacht ausübt, war dagegen noch vollkommen unbekannt und im Denken und Fühlen der damaligen Zeit schlicht nicht verankert. Indem er als König von England, an der Spitze der gesellschaftlichen Pyramide stehend, Gewalt anwendete, sein Opfer Anne demütigte und damit demonstrierte, dass er ein richtiger Kerl war, konnte er sich beweisen, dass er mächtig und stark war. Und wie ein missbrauchtes Kind identifizierte sich Anne nach und nach mit dem Denken Heinrichs, weil sie darin zum einen eine Möglichkeit sah, ihre Ohnmachtsgefühle zu überwinden und zeitgleich nach einer Chance zu suchen, die Sache an sich zu überleben. Am Ende hatte er es leicht, sie zu verleumden und ihr Ende zu beschließen.

Damals hatte er keine Moral, diente nur sich selbst (so wie alle aus den Oberen Ständen, was nicht bedeutet, dass sich dies im Heute verändert hat / Anm. einer kritischen Redaktion) und sah deshalb auch nicht ein, warum er Schuld fühlen sollte, da dies doch bedeutet hätte im moralischen Sinne einen Verstoß gegen das eigene Gewissen begangen zu haben. Damals fühlte er kein schlechtes Gewissen, denn Anne konnte seinen Wunsch nach einem Sohn auch nicht erfüllen. Sie brachte lediglich ein Mädchen zur Welt, welchem man den Namen Elisabeth gab. Alle weiteren Kinder wurden entweder tot geboren oder starben gleich nach der Geburt. Heinrich verstummte in seinen Gedanken. Einige Experten der heutigen Tage waren ihm auf die Schliche gekommen, konnten es aber nur als Annahme formulieren dass sie nämlich glaubten, dass eine Syphilis-Erkrankung des Königs zu den zahlreichen, tragisch endenden Schwangerschaften seiner Frauen geführt hatte. Er wusste genau, dass er Syphilis hatte, war sich damals lediglich nicht im Klaren darüber, dass dieser Umstand den Tod seiner Nachkommen bedeutet hatte. Anne wurde mit der Zeit immer unruhiger, Henry wirkte gelangweilt und ernüchtert. Er wurde seiner neuen Königin überdrüssig. Anne hatte nicht viele Freunde am intrigierenden Hof und einer gewissen Schadenfreude nahm man dort zur Kenntnis, dass sich der König bereits einer neuen Favoritin zugewandt hatte: der Hofdame Jane Seymour.

Da er Ehen trotz seiner Sondervollmachten als wichtigste politische und religiöse Person seines Landes nicht einfach scheiden lassen konnte, musste er damals einen anderen Weg gehen: Ein paar Intrigen am Hofe – und er glaubte bald selbst daran, dass Anne ihn betrüge würde. Um den „Bock fett zu machen“ wurde ihr sogar eine inzestuöse Beziehung mit ihrem Bruder vorgeworfen. Ihre Schwägerin, die diese Anschuldigung erhob, widerrief erst Jahre später diese Aussage. Außerdem wurden Anne Mordpläne gegen den König untergeschoben, so dass er sie am 19. Mai 1536 hinrichten lassen konnte. Die Bestie, die all das in Gang gesetzt, kontrolliert und am Ende durchgeführt hatte, war er selbst: die höchste moralische Institution seiner Gesellschaft. Er und seine Führungsclique mussten in den folgenden Jahren alles dafür tun, um die wahren Sachverhalte zu vertuschen und geheim zu halten! Ihm, dem damaligen König von England und jetzigem Ex-Monarch von Hanau kam zugute, dass er ein waschechter Psychopath war, dem es ein Leichtes war, die extrem schwere Form seiner dissozialen und antisozialen Persönlichkeitsstörung als „gut und richtig“ zu verkaufen und dem Volk damit den Glauben zu geben, dass seine Autorität und sein Führungsanspruch zu Recht bestanden. In ihrer unfassbaren Ausprägung übertrafen seine psychopathischen Störungen jede bis dahin bekannte Persönlichkeitsstörung.

Heinrichs Holzkopf begann zu rauchen. Wenn die Leichenteile der durch seine mittelbare oder unmittelbare Schuld zu Tode gekommenen Menschen im Ärmelkanal schwimmen würden, dann wäre es trockenen Fußes möglich, England vom Festland aus zu erreichen. Sein Wirken versetzte eine ganze Epoche in Angst und Schrecken und hinter all den grässlichen Taten verbarg sich seine geschundene Kinderseele, die ihn zu diesen bestialischen Taten im Größenwahn trieb. Heinrich war in seinem ersten Leben sicher der größte Massenmörder in der englischen Geschichte. Da half es ihm für den Moment wenig, dass er mit soziologischem und psychologischem Gespür in einer Art Selbst-Dokumentation seine Greueltaten vor seinem geistigen Auge vorüberziehen ließ. Es wusste genau, wie die Welt funktionierte und warum möglicherweise über hunderttausend Menschen sterben mussten, bis der Gevatter Tod ihn damals aus dem Leben nahm und damit einem komplett Wahnsinnigen das Handwerk gelegt wurde.

Er hätte weinen mögen bei seinen Gedanken, dass diese Welt wohl keine Chance mehr haben würde, sich aus den Klauen eines außer Rand und Band geratenen Männerwahns zu befreien. Das vermeintlich starke Geschlecht war in Wirklichkeit nicht stärker als das vermeintlich schwache Geschlecht. Dabei half es auch nicht, einfach alle Männer zu diskriminieren, denn zum Teil gab es ja auf diesem Planeten bereits Jungen und Männer, die die echte Geschlechtergerechtigkeit begriffen hatten und sich im Kleinen darum mühten, einer gerechteren Welt auf die Sprünge zu helfen. Solche Männer haben sich solidarisch verhalten, als Frauen anfingen sich gegen die rigiden Rollen zur Wehr zu setzen. Ein kleiner Teil der Männer der westlichen Welt hat sich nicht dagegen aufgelehnt und zum Beispiel mehr Freiheit für sich gefordert. Die meisten Männer dienten weiter soldatisch dem Arbeitgeber, ihrem jeweiligen Staat und ihren Familien, bis sie in die Gräber kippten. Es war der größte Fehler der nicht an den großen Rädern drehenden Männern, nirgends einen eigenen Platz zu beanspruchen. Für den maskulinen Lebensweg galt deshalb weiterhin: Karriere, Konkurrenz, Kollaps, Ende.

Für heute hatte er genug vom vielen Denken und sich Besinnen. Doch Annes Bild kam ihm immer wieder in die Gedanken. Er dachte an ihre Kleider. Da sie aus dem höheren Stand kam, konnte ihre Familie auf teure Importstoffe aus Seide zurückgreifen und Damen ihres Standes nutzten generell bessere Textilqualitäten und veredelte Tuche. Wie sie sich im Tanze vor ihm drehte. Dieser lächelnde Blick über die Schulter. Er hatte sie wirklich geliebt und doch am Ende töten lassen. Seine Standesdünkel, sein spezifischer Hochmut des mächtigen Königs gegenüber allen anderen, als niedriger erachteten Ständen war genauso ein Grund wie seine legendäre Eifersucht, die in seinem Fall weit mehr war als nur eine schmerzhafte Emotion, die er bei nur in ungenügendem Maße erhaltenen Anerkennung fühlte. Er war schlicht ein Wahnsinniger, ein Verrückter, dessen bestimmte Verhaltens- und Denkmuster eigentlich nicht der akzeptierten sozialen Norm entsprachen, aber durch seine Brutalität und seine Machtfülle bei seinen Untertanen als „zu akzeptieren“ durchgesetzt wurden.

Was er in seiner jetzigen Weisheit am allerwenigsten Verstand war, dass die Geschichte solche Psychopathen, wie er einer war, auch noch schützte, wenn sie nur weit genug oben im gesellschaftlichen Ranking daher geschwommen waren. Niemand bemühte sich um Aufklärung, so als ob eine gesamte Epoche ein schlechtes Gewissen dafür hätte, dass man sich von einem Wahnsinnigen hat regieren lassen. Erst vor kurzem hatte er ein dokumentarisches Werk über die von ihm im Jahre 1533 gegründete Anglikanische Kirche gelesen und entsetzt feststellen müssen, dass man im Heute darum bemüht war, die Ursprünge dieser kirchlichen Ausrichtung zu verheimlichen bzw. zu verwässern! Die meisten Berichte befassten sich heutzutage mit der anglikanischen Gemeinschaft und versuchten allen Ernstes, die Geschichte der Kirche von England auf die römische Zeit zu datieren, als das Christentum sich im gesamten römischen Reich ausbreitete. War es vielleicht ein Ansinnen aller großen monotheistischen Weltreligionen, nicht allzu deutlich werden zu lassen, wie variabel, flexibel und damit als „felsenfeste Instanz“ unsinnig diese Religionen waren? Hielten Sie etwa – politisch gewieft – zusammen?

Wer würde sich noch für Religionen erwärmen und sich an ihnen begeistern, wenn erst einmal deutlich werden würden, dass er, der personifizierte Machtaffe, seine eigene Religion ausschließlich aus einem Grund schuf: um den im Bauch seiner Freundin Anne befindlichen Kindskörper, von dem er annahm, dass es sich dabei um einen Sohn handeln würde, zu der Ehre zu verhelfen, der legitime König seines Landes zu werden! Würden dann vielleicht keine Freiwilligen mehr zu bekommen sein, die Flugzeuge in Hochhäuser lenkten? Würde es die Ordnung der Welt stören wenn man ihm auf die Schliche kommen würde? Er schüttelte den Kopf! Im Prinzip hatte er eine deutliche Spur gelegt, an der entlang sich die teilweise gut informierten Menschen der modernen Welt über die wahren Zusammenhänge von Leben und Religionen hätten informieren können. Aber es gelang nicht! Warum?

Religionen waren als Opium für das Volk in den gesunden Menschenverstand implantiert worden. Für Heinrich war Religion Ausdruck des gesellschaftlichen Elends, da aber dieselbe Religion zugleich auch Protest gegen dieses Elend ermöglichte, brauchte es nur einige Philosophen, die die Welt in Bezug auf den Glauben so verschieden interpretierten, dass es gelang die religiöse Einstellung so zu verändern, dass sie den jeweiligen Machtansprüchen der jeweiligen Herrscher ihrer Zeit passten. Er war wohl das am leichtesten zu durchschauende Beispiel für diese Prozesse, die sich auf der Welt schon abzuspielen begannen, als der frühe Mensch anfing sich Fragen zu stellen. Wer bin ich? Selbst im gut vernetzten und dokumentierten Heute beteten laut eine Studie weltweit noch ca. 80 Millionen Menschen nach dem anglikanischen Ritus. All diese Betenden fügten am Ende eine „God save the queen“ ihren Gebeten hinzu. Er schämte sich dafür, die Menschen so derart hinters Licht geführt zu haben. Andererseits hätte die Menschheit ja auch allezeit die Möglichkeit gehabt, aus diesem Schatten heraus ins eigentliche Licht zu treten.

Doch nichts dergleichen geschah. Und wenn es doch das eine oder andere Individuum wagte, diese eine Säule der Macht in Frage zu stellen, dann reagierten immer die, die ihren gewonnenen Besitz zu verlieren drohten, mit beispielloser Gewalt gegen solche Elemente. „Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit“, schrieb einmal Marie von Ebner-Eschenbach. Und so taten alle das, was nach Meinung des geläuterten Heinrich zu den schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte gehörte: sie gebaren ihre Kinder in das von ihnen selbst gewollte Gefängnis des Geistes und zwangen diese wertvollsten aller Geschöpfe, sich ebenfalls zu Sklaven zu entfalten.

Es war wohl noch viel Arbeit zu tun, wenn er Veränderungen in dieser festgefahrenen Welt des Wahnsinns und des blinden Glaubens zum Wohle derer, die noch geboren werden würden, erreichen wollte. Alles war im Fluss, die Welt drehte sich, die Galaxien, alles im Universum, das Frühjahr wurde vom Sommer abgelöst, der wieder in den Herbst überging bevor das winterliche Weiß alles bedeckte um dann im Frühjahr neu zu erstehen. Die Körper der Menschen wuchsen, gediehen, entwickelten sich um später zu verfallen und durch andere, neue Körper ersetzt zu werden. Alles war in Bewegung, aber in diesem Leben sollte möglichst immer alles so bleiben, wie es immer war. Es war leicht möglich, alles irdische zu verändern, wenn man an der Spitze der Macht stand. Er wollte nie mehr auf diese Art mächtig sein. Mit einem letzten Gedanken an seine Anne stieg er die Treppe zum Wohnzimmer hinauf, öffnete die Tür zur Terrasse und trat in die wärmenden Strahlen der Sonne hinaus.

Siehe Bild 01: Heinrich erleidet einen gedanklichen Recall-Anfall

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